Dialogforum in Esslingen

06.03.2013

Konfessionsverbindende Familien im Blick

Ein gemeinsames religiöses Leben in der katholischen Kirche bringt für viele Ehepaare und Familien unterschiedlicher Konfession Konflikte mit sich. So setzt etwa der Empfang der heiligen Kommunion nach katholischer Lehre Kirchengemeinschaft voraus. Für betroffene Paare heißt das oft: Resignation und Rückzug oder eben Handeln wider kirchliche Norm. In Esslingen, beim zweiten Regionalforum des Dialogprozesses der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter dem Leitwort „Glaubwürdig Kirche leben“, befassten sich am Samstag mehr als 250 Delegierte unter anderem mit der Lage dieser Paare und Familien. Generalvikar Clemens Stroppel ließ sie spürbar aufatmen: „Durch das doppelte Band der Taufe und der Ehe leben diese Paare in Gemeinschaft mit der katholischen Kirche, was den Ausschluss vom gemeinsamen Kommunionempfang nicht mehr als gerechtfertigt erscheinen lässt.“  

Stroppel, der die Situation der konfessionsverbindenden Paare als „offene Wunde“ und sie selbst als „besonders Leidtragende der Spaltung der Kirche“ bezeichnete, berief sich unter dem Beifall der Delegierten auf das Zweite Vatikanische Konzil. Nach der Linie dieses Konzils seien konfessionsverbindende Paare durch Taufe und Ehe sakramental verbunden, eingeschlossen der nichtkatholische Partner. Diesen Weg zu einer möglichen Lösung fand eine von Bischof Gebhard Fürst eingesetzte theologische Arbeitsgruppe. Der Generalvikar räumte ein, dass die volle kirchliche Gemeinschaft zwar nicht erreicht sei. Aber durch die gegenseitige Anerkennung der Taufe durch die in der Arbeitsgemeinschaft ACK vertretenen Kirchen öffne sich ein theologisch stimmiger und pastoral notwendiger Weg. Konfessionsverbindende Paare und Familien könnten damit als Hauskirche anerkannt werden. Aus dieser Perspektive sehe er einen Weg  für die Diözese Rottenburg-Stuttgart zu einem neuen Umgang mit konfessionsverbindenden Ehepaaren.

Allein die pastorale Not erfordere Lösungen, unterstrich der Generalvikar. So seien 43 Prozent der 2011 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart katholisch geschlossenen Ehen konfessionsverbindend. Vor 50 Jahren lag laut Stroppel der Prozentsatz bei 30 Prozent. Und vor zwei Jahren entstammten 42 Prozent der in der Diözese getauften Kinder konfessionsverbindenden Familien.

In einer Podiumsdiskussion mahnten Delegierte mehr Offenheit der Kirche auch in Fragen des gemeinsamen Kommunionempfangs an.  Bischof Fürst erinnerte daran, dass er seit zehn Jahren einen Weg anmahne, im kirchlichen Leben engagierten Paaren solle der Kommunionempfang möglich werden. Er werde diese Auffassung erneut auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz einbringen. Es brauche eine verbindliche und pastoral stimmige Lösung, mahnte der Böblinger Dekan Karl Kaufmann: „Es kann nicht sein, dass in der einen Pfarrei konfessionsverbindende Paare beim Sakramentenempfang willkommen sind, während sie in der anderen abgelehnt werden.“ 

Thema Leben in Kirchengemeinde, Pfarrei, Seelsorgeeinheit: Wie es mit einer „Pastoral der Nähe“ weitergehen soll, auch damit befassten sich die Delegierten. Domkapitular Matthäus Karrer, Leiter der Hauptabteilung Pastorale Konzeption, stellte Perspektiven des 2011 begonnenen „Projekts Gemeinde“ vor. 80 Seelsorgerinnen und Seelsorger arbeiten seither konzeptionell daran im Auftrag des Bischofs und des Diözesanrates. Es bestehe eine große Ungleichzeitigkeit in den Gemeinden, betonte Karrer. Wo es hier hapere mit der Verlebendigung von Seelsorgeeinheiten, da mangele es dort etwa an personaler Substanz, um zufriedenstellend eine Pastoral der Nähe zu leisten. 

„Wir brauchen je vor Ort lebensraumbezogene Antworten“, betonte Karrer. Nötig dafür sei ein Blickwechsel vom Wohlbekannten hin zu Neuem. Als Beispiel nannte der Pastoralexperte eine Öffnung von Gemeinden hin zu ihrem jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Umfeld. Seine Thesen trugen Titel wie „Von der ‚Vollversorgergemeinde’ zum pastoralen Netzwerk“, von der ‚versorgten Gemeinde’ zum ‚mitsorgenden pastoralen Handeln’“ oder „von der Gleichmacherei zur Qualitätssicherung und -entwicklung“. Dies habe, so Karrer, Folgen auch für das haupt- und das ehrenamtliche Personal. Hier lauteten die Thesen „vom Verwalter zum Seelsorger“, „von der ‚Allzuständigkeit’ zur Delegation oder „vom ‚alten’ Ehrenamt (im Sinne eines Pfarreivereins) zum ‚neuen’ Ehrenamt (im Sinne der Charismenlehre des Apostels Paulus)“