Bilanz des Biberacher Regionalforums

25.02.2013

Spurensuche in schwierigen Fragen

Mit teils schwierigen aktuellen Herausforderungen der katholischen Kirche haben sich über 280 Delegierte im Rahmen des Dialogprozesses der Diözese Rottenburg-Stuttgart am Samstag im oberschwäbischen Biberach befasst. Beim ersten von insgesamt vier so genannten Regionalforen unter dem Leitwort „Glaubwürdig Kirche leben“ wurden Fortschritte in dem im März 2011 eröffneten Dialogprozess gesichtet und gesichert. In Biberach standen im Vordergrund der kirchliche Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und die Chancen von Frauen auf verantwortungsvolle Positionen in der Kirche. Zum Auftakt betonte Bischof Gebhard Fürst, die Regionalforen könnten keine  Entscheidungsforen sein. Es gehe darum, das bisher im Prozess Gehörte zu bündeln und es für den weiteren Prozess der Erneuerung zu nutzen.

 

Im Dialogprozess zeigte sich bisher, dass eine deutliche Mehrheit von Katholiken sich einen barmherzigeren Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen wünscht. Ordinariatsrat Joachim Drumm betonte als „perspektivische These“, dass beim grundsätzlichen Festhalten an der Unauflöslichkeit der sakramental geschlossenen Ehe eine Zweitehe „nicht einfach als fortdauernder Ehebruch verurteilt werden, sondern je nach Situation auch als verantwortungsvoller Ausweg toleriert werden“ solle.

 

Die Frage nach der Erteilung von Absolution nach der Beichte und der Zulassung zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene sei auch eine Frage an das Selbstverständnis von Kirche als Ort der Versöhnung und an das Verständnis von Eucharistie, sagte Drumm. Bischof Fürst betonte in Biberach wiederum, er habe sein Versprechen eingelöst und die Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz eingebracht. Er hoffe, dass eine dort gebildete Arbeitsgruppe bald Wege aufzeigen werde.

 

Zur Frage der Führungsverantwortung von Frauen bezog Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr Stellung, eine von vier Frauen in der Diözesanleitung. Sie betonte, Frauen seien Jahrhunderte lang in Kirche und Gesellschaft den Männern nachgeordnet worden. „Für eine solche Zurücksetzung gibt es biblisch keinerlei Rechtfertigung.“ Augustyniak-Dürr unterstrich, dass ein Zugang von Frauen zum sakramentalen Weiheamt der Kirche dogmatisch und kirchenrechtlich derzeit nicht möglich sei, aber es abgesehen davon zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Arbeitsfelder und Entfaltungsmöglichkeiten gebe. Sie ergänzte: „Wenn wir die Frage der Wertigkeit der Frau generell und die Frage nach der Zulassung zu Ämtern von vornherein vermischen, folgt aus der Nichtzulassung zu Ämtern automatisch eine Herabsetzung der Frau im Sinne mangelnder Gleichwertigkeit.“

 

Die Ordinariatsrätin.ermunterte Frauen zu Optimismus. Allein im vergangenen Jahrhundert hätten sich auch in der katholischen Kirche große Fortschritte gerade auch in Fragen der Frauenrechte ergeben. „Wenn wir wirklich ernst machen mit der christlichen Botschaft, dann wird unser Miteinander auch unsere Strukturen verändern.“ Bischof Fürst wies darauf hin, dass seine Diözese seit Jahren die Chancen auf Führungsverantwortung für Frauen besonders fördere. Die Kirche brauche die Kompetenz von Frauen und deren spezifisches Charisma existenziell.

 

In einer Podiums- und Plenumsrunde brachten Delegierte ihre Erfahrungen aus dem kirchlichen Alltag vor. Sowohl Ehepaare in Krisen wie auch solche nach Scheidung oder einer zweiten Eheschließung müssten sich voll angenommen fühlen können. So berichtete der Ulmer Dekan Matthias Hambücher vom Gespräch mit einer Frau, die mit einem geschiedenen Mann verheiratet ist. Sie habe, so Hambücher, der Kirche verbittert vorgeworfen, sich moralisch über andere erheben, wo sie sich doch moralisch selbst stark verfehlt habe. Der Dekan mahnte, solche Konflikte und Probleme nicht mit rechtlichen Strukturen und Formeln lösen zu wollen. Vielmehr sei grundsätzlich ein im kirchlichen Leben konsequent offenes und einladendes Miteinander mit Menschen anzustreben, die in ihrer Ehe gescheitert sind.

 

Bischof Fürst zeigte sich tief betroffen. Zum einen verwies er auf das Jesuswort von der Unauflöslichkeit der Ehe. Die modernen Herausforderungen an die Ehe seien allerdings teilweise enorm. Von Jesus vorgelebte Barmherzigkeit, Zuwendung und Liebe gelte es konkret zu vermitteln. Dies müsse auch gelten mit Blick auf gescheiterte Ehebeziehungen, die für die meisten Betroffenen eine Tragödie darstellten. Jedes einzelne Scheitern bedürfe der besonderen Achtsamkeit durch Seelsorgerinnen und Seelsorger, Pfarreien und Gemeinden, „damit sie dem Leben der Einzelnen eine neue Chance eröffnen“.

 

Mit Blick auf die Stellung von Frauen in der Kirche betonte Diözesanrätin Margret Kehle, Frauen fühlten sich trotz allen theoretisch anderslautenden Stellungnahmen vielfach als Menschen zweiter Klasse. „Auf Augenhöhe und gleichwertig“ am kirchlichen Leben beteiligt zu sein, das wünsche sie sich als Frau. „Wir wollen keine Notnägel sein.“ Als drängendes Problem etwa nannte die Delegierte, dass Seelsorgerinnen beispielsweise die Krankensalbung nicht spenden dürften. Kehle verlangte eine konsequente theologische Aufarbeitung solcher Problemfelder. Dekan Hambücher fügte hinzu, dass Frauen im katholischen Seelsorgedienst sich gegenüber evangelischen Kolleginnen zurückgesetzt fühlten. Grundsätzlich erkenne er die Frage nach Frauen in der Kirche als solche an das christliche Menschenbild. Nach diesem Bild müssten Männer und Frauen  die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten haben.