Zeit zu hören

Bischof Dr. Gebhard Fürst

Unter dem Leitwort „Glaubwürdig Kirche leben“ hat Bischof Dr. Gebhard Fürst zusammen mit dem Diözesanrat  im Frühjahr 2011 den Dialog- und Erneuerungsprozess eröffnet. Der dialogisch angelegte Erneuerungs- und Läuterungsprozess der Diözese Rottenburg-Stuttgart greift den Gesprächsprozess auf, den die deutschen Bischöfe für die Jahre 2011 bis 2015 beschlossen haben.

Konkreter Anlass für das Engagement der Deutschen Bischöfe und nicht zuletzt der Diözese Rottenburg-Stuttgart war das Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs durch Vertreter der Kirche und der damit verbundene Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust.

Partner im Dialog

Dialogforum in Böblingen

Bereits in seiner Neujahrsansprache, am 6. Januar 2011 hat Bischof Fürst deshalb alle getauften und gefirmten Christinnen und Christen aufgerufen, aktiv am Dialog mitzuwirken.

Im März 2011 eröffnete der Bischof schließlich gemeinsam mit dem Diözesanrat im Kloster Reute offiziell den Dialog- und Erneuerungsprozess der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In einer liturgischen Feier überreichte der Sprecher des Diözesanrats, Dr. Johannes Warmbrunn, dem Bischof ein leeres Buch, in dem Platz finden sollte, was dieser in der ersten Phase der „Zeit zu hören“ an Anliegen und Meinungen wahrnehmen und was ihm selbst im Verlauf des Prozesses wichtig werden würde. Der Bischof seinerseits sandte die Mitglieder des Diözesanrats aus, sein „Anliegen des dialogischen Erneuerungsprozesses hinein in ihre Dekanate, Verbände, Ordensgemeinschaften und Berufsgruppen“ zu tragen. Er selbst werde, dies hat Bischof Fürst an vielen Stellen immer wieder betont, intensiv hören, was die Christen/-innen seiner Diözese bedrückt und ihnen am Herzen liegt. Dort, wo auf der Ebene der Ortskirche Erneuerung stattfinden kann, werde er diese als Bischof angehen. Themen, die nicht auf der Ebene der Ortskirche abschließend besprochen werden können, werde er in die Beratungen der Bischofskonferenz hinein geben.

Koordination des Prozesses

Um die Anliegen und Ergebnisse zu moderieren, zu dokumentieren und auszuwerten, wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Fliethmann und Dr. Matthias Ball eine neunköpfige Koordinierungsgruppe mit Mitarbeiter/-innen aus verschiedenen Bereichen des Bischöflichen Ordinariats, Vertretern der Dekanate und Gemeinden und Delegierten des Diözesanrats und des Priesterrats beauftragt.

Die Themen liegen vor

Viele sind dem Aufruf des Bischofs gefolgt. Unterlagen, eine Arbeitshilfe herausgegeben von der Koordinierungsgruppe und Informationen auf der diözesanen Internetpräsenz www.drs.de sollten den Einstieg in den Dialogprozess erleichtern. Gemeinden, Seelsorgeeinheiten, Dekanate, Verbände und eigens gegründete Initiativgruppen sind so in den Dialogprozess eingestiegen. Vielerorts und auf nahezu allen  Ebenen wurde zwischen Leitungsverantwortlichen und der Basis, aber auch zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen und Richtungen innerhalb der Gemeinden das Gespräch gesucht. Noch im selben Jahr fanden in der gesamten Diözese 122 Veranstaltungen statt. In Gesprächen, Fachvorträgen, Foren und Umfragen benannten die Teilnehmer/-innen den Reformbedarf der Kirche anhand von verschiedenen Problemfeldern, wie etwa die Rolle der Frau in der Kirche, die Verpflichtung zum Zölibat, geschiedene Wiederverheiratete oder konfessionsverbindende Ehen. Zudem wurden pastorale Zukunftsmodelle erarbeitet und erprobt.  Über 300 Dokumente wurden der Koordinierungsgruppe zur Auswertung zur Verfügung gestellt.

Auch Einzelpersonen, Familien und kleine Gruppierungen sind dem Anliegen des Bischofs nachgekommen und haben sich mit einem Schreiben direkt an ihn gewandt. Von den insgesamt 206 Briefeschreibern/-innen, die allesamt der Kirche sehr nahe stehen, äußerten viele ihre oftmals sehr persönliche Betroffenheit über die Situation, in der sich die Kirche derzeit befindet. Allen gemeinsam war das Ringen um den Glauben und um das Vertrauen in die Institution Kirche.

Seit der Eröffnung des Prozesses haben sich der Diözesanrat und der Priesterrat in allen Sitzungen und bei einem Studientag mit dem Dialog- und Erneuerungsprozess befasst. Im November 2011 schloss sich der Diözesanrat der Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken für ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern in der Kirche an. Als erste Umsetzungsschritte in der Diözese befürwortete der Diözesanrat das „Projekt Gemeinde“, das praxisnah pastorale Zukunftsmodelle erarbeiten soll.  Neue Ansätze für die Beteiligung von Laien an der Gemeindeleitung nach Can. 517 § 2 CIC, sowie neue Zugangswege zum Beruf der Gemeindereferent/-innen stehen dabei im Vordergrund

Beim Gesprächsforum am 8. und 9. Juli 2011 in Mannheim, zu dem die Deutsche Bischofskonferenz eingeladen hatte, vertraten neun Mitglieder des Diözesanrats die Diözese Rottenburg-Stuttgart auf Bundesebene. Sie berichteten von offenen Gesprächen in guter Atmosphäre, aber auch von der großen Ungleichzeitigkeit in den verschiedenen Bistümern.